Montag, 27. Dezember 2010

blau und rosa. die geschichte einer mutter.

nachdem wir unter glucksenden glückslauten in einen altrosa/waldgrünen tülltraum gestiegen und den kampf mit den bombastischen mengen an tüllüber- und polyesterschlauchunterröcken gewonnen hatten, um festzustellen, dass selbst ein kleines rotes 50%-etikett die größe 42 im spiegel leider nicht kleiner erscheinen lässt, stand ich in eben dieser h&m-filiale in der hauptstadt an der vorweihnachtlich kuschelig gedrängten schlange zur kasse an. vor mir unterhielten sich zwei junge damen zuerst über das solarium, dann (und dies hat sich wirklich genauso zugetragen) über den lipgloss auf ihren entenschnabel-gespritzten lippen. schließlich entdeckten die beiden eine neben der kasse stehende tüte mit einem lanvin-h-&-m-aufdruck, die ich auch schon gierig ins auge gefasst hatte. nun folgt ein o-ton des realen lebens: "Was is'n das da für'ne tüte? Lannwien? kenn'isch gar nisch, ey." "doch lannwien! das is so'n berühmter designer aus amerika. der hat jetzt hier diese kleider da gemacht, wo ich dir dahinten gezeigt hab." "ach das. die kleider war'n aber hässlich."
nun gut. ich wollte diesem dialog die gelegenheit geben, völlig unkommentiert seine wirkung zu entfalten.



aber ihn zu ignorieren fiel mir so schwer, dass mich entschlossen habe, heute in jos kleiner modeschule teil 1 etwas erleuchtung zu verbreiten.
spontan habe ich mich dann für das thema lanvin entschlossen.


jeanne lanvin ist kein amerikaner. jeanne lanvin ist nicht einmal ein mann. sie war französin und eine der einflussreichsten modeschöpferinnen des frühen 20. jahrhunderts. geboren 1867, eröffnete sie 1890 - damals der klassische beginn einer designertätigkeit - zunächst ein hutgeschäft (bis heute: 22, rue du faubourg saint-honoré). als sie schließlich bewegungsfreundliche hängerkleidchen für ihre tochter und bald auch für die gut betucht- und behüteten kundinnen schneiderte, galt sie schnell - in einem atemzug mit madeleine vionnet und la coco genannt - als eine der großen ihrer zeit.
das modehaus lanvin wurde offiziell 1909 ins leben gerufen. die entwürfe galten als farbenfroh und jugendlich und boten in den 20er jahren eine abwechslung zu den kurzen androgynen hängerchen der flapper-girls. berühmt wurden besonders die aufwendigen stickereien, das lanvin-blau sowie polignac-rosa.
nach dem tod der jeanne lanvin 1946 übernahm zunächst ihre über alles geliebte tochter marie-blanche (das logo ist bis heute eine mutter, die ihr kind an den händen hält) die designtätigkeit. bis in die 80er jahre blieb das unternehmen in familienbesitz. dann begann an lang währendes gerangel um die firmenanteile, in das unter anderem eine londoner bank, die louis-vuitton-mutter orcofi und l'oreal verwickelt waren. lanvin geriet in vergessenheit, der erfolg lag in der vergangenheit. die haute-couture-kollektion wurde zwischenzeitlich gar abgeschafft, bis eine tawainesische investorengruppe sich  2001 dem traditionshaus annahm. seit 2002 ist alber elbaz (vorher bei yves saint laurent) chefdesigner, der direkt mit seiner ersten kollektion die rasante wiederauferstehung lanvins einleitete.
...und wenn sie nicht gestorben sind, designen sie bis heute.
manchmal auch für h&m. munkelt man zumindest an eben deren kasse.

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